Blood Diamonds
Dezember 1, 2007
Sierra Leone: „Blood Diamonds“ zwischen Krieg und Frieden
von RAINER SCHMITT
„Sierra Leone is at peace“. Mit diesen Worten im Abspann endet der Anfang 2007 in den deutschen Kinos angelaufene Action-Blockbuster „Blood Diamond”. Die aktuelle Lage in Sierra Leone nach einem über zehn Jahre währenden Bürgerkrieg um „Blutdiamanten“ scheint somit eindeutig definiert. Fraglich ist allerdings, ob die Situation tatsächlich so eindeutig als „friedlich“ charakterisiert werden kann. Frieden ist der diametrale Gegensatz zu Krieg. Hat sich die Situation in Sierra Leone ebenfalls auf so diametrale Weise geändert, wie es die begriffliche Umdeutung der Konfliktsituation vermuten lässt?
Wo genau verläuft die Grenzlinie zwischen Krieg und Frieden? Für Sierra Leone scheint diese Grenze klar zu sein. Der dortige Konflikt um „Blutdiamanten“ wurde zwischen 1991 und 2002 als Bürgerkrieg definiert. Das Konfliktmuster entspricht dem, was gemeinhin unter dem Begriff „Kriegsökonomie“ verstanden wird; die Verquickung von Gewalt mit ökonomischen Interessen. Im Fall von Sierra Leone verschafft sich eine Rebellenorganisation gewaltsam Zugang zu reichhaltigen Diamantenminen und finanziert ihren Kampf durch den Verkauf dieser Mineralien. Hat sich nach dem Friedensschluss 2002 diese „Kriegsökonomie“ zu einer „Friedensökonomie“ gewandelt?
Die Bezeichnung einer Situation als Krieg oder Frieden ist primär eine begrifflich definitorische und insofern abstrahiert von der Realität. Es handelt sich um zwei abstrakte Pole, zwei niemals existente Modellfälle, welche den prozesshaften, fließenden Charakter einer Konfliktgenese ausschließen. Insofern ist es eine reichlich simplifizierende und idealisierende Aussage, in einem Konfliktfall wie dem Sierra Leones von Frieden zu sprechen.
Allerdings beinhaltet eine solche Aussage legitimatorische Potentiale. So ermöglicht es der Begriff „Frieden“ im vorliegenden Fall den Vereinten Nationen, von einer „gelungenen Friedensmission“ zu sprechen. Deren selbst auferlegte „moralische Verpflichtung“, einem „Drittweltstaat“ in Notsituationen zu helfen, ist erfüllt und ein Rückzug aus Sierra Leone ist folglich legitim. Für die Diamantenindustrie ermöglicht es der Begriff „Frieden“, in Zukunft wieder „moralisch einwandfreie Steine“ aus Sierra Leone anbieten zu können. Aufgrund der Blutdiamantenproblematik gründete sich in Antwerpen, dem „Mekka“ des Diamantenhandels, der „World Diamond Council“. Diesem obliegt die Aufgabe, Sorge für einen „sauberen“ Diamantenhandel zu tragen. Der Blick auf die Homepage des Diamantenrats verrät, dass 99 Prozent aller Diamanten konfliktfrei sind. Ist diese Aussage trotz anhaltender sozialer Probleme und Schmuggelaktivitäten in Sierra Leone haltbar bzw. tragbar?
In Sierra Leone selbst ermöglicht der Begriff „Frieden“ wenig. Aktuell rangiert das Land auf dem vorletzten Platz des UN-Index zur weltweiten menschlichen Entwicklung. Der Diamantenverkauf, zumeist in Form von Schmuggelaktivitäten, ist auch nach dem Bürgerkrieg ein rentables Geschäft geblieben. Lediglich die diesbezügliche Situation und die am Schmuggel beteiligten Akteure haben eine definitorische Umbenennung erfahren.
Wieso ist es dennoch für „unsere“ Weltgemeinschaft möglich, entsprechend selbst auferlegter und zudem selbst definierter moralischer Standpunkte, eine Situation in ein begrifflich antagonistisches Schema zu pressen und dabei den prozesshaften Charakter der aktuellen Entwicklung zu missachten? Was hier exemplarisch im Fall von Sierra Leone dargestellt ist – nämlich dass dem Land ein friedlicher Zustand attestiert wird – entspricht in keiner Weise der Realität, sondern stellt eine Verblendung derselben dar. Wenn überhaupt, dann haben sich seit dem Friedensschluss in Sierra Leone Veränderungen lediglich in Nuancen zugetragen. Es hat kein radikaler, gravierender Wandel stattgefunden. Manchmal ist Frieden nur eine Nuance von Krieg entfernt. Und vielleicht ist manchmal Krieg der bessere Frieden. Alles eine Frage der Definition!