Ein wahrhaft Schreibender –
Januar 11, 2008
Denn Tagelöhner ist er nie gewesen
Witzig? Ja witzig ist er auf jeden Fall? Gewitzt? Wo ist denn da der Unterschied? Aber ja! Gewitzt ist er auch! Ein Glossenschreiber par excellence. Ja das war er! Da konnte im keiner das Wasser reichen? Was das überhaupt ist, eine Glosse? Na da spalten sich die Geister. Journalistische Darstellungsformen: Die Unterscheidung zwischen diesen fällt schwer. Der eine sagt dies, der andere das. Allesamt sagen sie nicht viel; in ihrer eigenen Welt, in der Welt von Medien und Journalismus aber doch. Zurück zum Wort Glosse. Ironie, Satire, Wortspiel, Paradoxie, Verfremdung; allesamt als Elemente des Glosse aufgeführt. Wenn es so ist, dann besteht kein Zweifel. Dann war er ein Meister seines Faches, dann war es das Paradebeispiel für einen Vertreter dieser Gattung.
Kurze Sätze, messerscharf formuliert, fragmenthaft, dadurch spannend, sich über Regeln des Schreibens hinwegsetzend, eine ganz eigene Art, ein ganz eigener Stil, immer reflektiert, niemals langweilig, immer neu, immer aktuell und niemals so wie andere. Individuell, ganz eigen, nie Mainstream, nie auf der Suche nach der guten Story, weil die musste er nie suchen. Bekannte Persönlichkeiten, ja darüber muss man schreiben, will man eine breite Leserschaft erreichen. Darüber hat er nie geschrieben. Auch an andere Regeln des Publizierens hat er sich nicht gehalten. Und darum war es auch so, wie es war und wie er selbst feststellte: “Nur ist da eines – o völkische Schmach! Komisch: uns macht keiner nach.“ Ein Nachteil, in seinen Augen wohl eher nicht; eher ein Kompliment an sein Schaffen. Keine Bestseller sollten es sein, die er schrieb; Gedanken waren es, die zählten; aber dafür waren es eigene, kein Abkupfern, kein Kapitalismus, kein Tagelöhnerwerk, Journalismus im klassischen Sinne ist das nicht, viel zu individuell, zu kritisch, zu satirisch, zu ironisch.
Man mag es mir nachsehen. Schändlich; eine Anbiederung. Aber was soll ich machen. Ich bin nicht ein Genie, so wie er es war, mir wurde nicht die gleiche Begabung in die Wiege gelegt. Und auch wenn ich in meiner Huldigung versuche die Sprachstilistik des zu Huldigendem in einigen Sätzen nachzuahmen, so kann es sich immer nur um einen stümperhaften Versuch einer solchen handeln. Es gibt leider nur wenige, die diese unnachahmliche Begabung aufweisen. Ob der Versuch der Nachahmung rechtens ist oder es eher benannte Anbiederung oder sogar Schande ist? Ich vermag es nicht zu sagen. Eins ist indes sicher: Er gehörte mit Sicherheit dazu. Zum erlauchten Kreis derjenigen Personen, denen unsere Sprache ein wirklicher Freund ist. Von diesen gibt es nicht allzu viele. Und neben diesem erlauchten Kreis gibt es da noch diese, die mit ein wenig Begabung, vielleicht auch noch mit einem Schuss Idealismus versuchen, die Welt mit ihren Worten zu verändern. Leider hat die Welt dann auch noch zahlreiche von diesen zu bieten: Sie schreiben nicht des Schreibens willen, sie schreiben nicht des Veränderns willen; SIE schreiben, um sich an den Fleischtöpfen des Kapitalismus zu laben – und versalzen denen, die wahrhaftig SCHREIBEN, die Suppe. In seinen Gedanken zu Schriftstellerei und Stil merkt Schopenhauer zu diesen Personen an: „Man erkennt sie daran, dass sie ihre Gedanken möglichst lang ausspinnen und auch halbwahre, schiefe, forcierte und schwankende Gedanken ausführen, auch meistens das Helldunkel lieben, um zu scheinen, was sie nicht sind; weshalb ihrem Schreiben Bestimmtheit und volle Deutlichkeit abgeht.“ Genau diese fehlende Bestimmtheit und Deutlichkeit sind es, die den Freunden der Sprache nicht abgeht. Und dies unterscheidet sie dann auch in aller Deutlichkeit und Bestimmtheit von der Personengruppe der Tagelöhner, der „Für-Geld-Schreiberlinge“, der Auftragsarbeiter und „Halbwahrheitsverbreiter“. Sollte man die Sätze einer dieser Gattung „Schreiber“ – wobei dieses Wort in dem Zusammenhang eigentlich eher unpassend ist – angehörenden Person auf Inhalt, Sinn, ja auf den darin geäußerten Gedanken an sich untersuchen, würde nichts übrig bleiben. Auffallen würde indes ein Gerüst grammatikalisch schwerfälliger Gebilde, denen allerdings keine Aussage innewohnt. Worte nur der Worte wegen, so etwas hat es bei ihm, den Meister nie gegeben. „Verwickelte Dinge kann man nicht simpel ausdrücken; aber man kann sie einfach ausdrücken. Dazu muß man sie freilich zu Ende gedacht haben, und man muss schreiben, ohne dabei in den Spiegel zu sehn.“ So sieht er es. Die Aussage war und ist bei ihm immer im Vordergrund, kein Wort, das sich nicht Ideen und Gedanken, das sich nicht Antrieb des Textverfassens unterzuordnen vermochte.
Ist es Stümperei, ist es der Weg dahin, beim Besteigen des Berges den lächerlichen Bergstock abzulegen und zu einem weniger oder vielleicht sogar überhaupt nicht lächerlichen Stock zu greifen? Wie diese Analogie zu verstehen ist, sollte der Leser bei „Die Essayisten“ nachlesen. Vielleicht wird dieses Nachlesen zu einem Einstieg in eine neue Welt oder zumindest, – so auch für mich – zu einer Erweiterung des Horizontes. Vielleicht bewirkt es gar nichts. Dann lässt sich das auch nicht ändern. Aber eins ist gewiss. Er, Kurt Tucholsky war einer der ganz Großen in seinem Metier. Schön wäre es, wenn er mir einen seiner Bergstöcke leihen könnte, um neue Höhen zu erklimmen. Aber wahrscheinlich ist es besser, sollte der Bergstock für mich irgendwann von selbst seine Lächerlichkeit verlieren, mir als reines Hilfsmittel dienen. Jedenfalls habe ich eines gelernt: Der Bergstock sollte nicht simpel aber einfach sein, Zweckdienlich, leicht zu handhaben, aber dennoch alle wesentlichen Erfordernisse erfüllend.
Wesentlicher ist aber der Berg, der Bergstock ist nur Mittel zum Zweck, soll einen sicher und präzise zum Ziel bringen. Auch wenn es einen weniger beschwerlichen Weg geben sollte irgendwo im Tal, führt dieser meistens nicht zum gleichen Ziel. Orientieren sollte man sich stets an dem Gipfelstürmer, einholen muss man diesen nicht, kann man aber. Jedenfalls wird man als Wanderer im Tal niemals in die Verlegenheit kommen, in die Nähe des Gipfels zu gelangen. Und wer niemals in seinem Leben die frische Brise zumindest aus der Nähe des Gipfels eingeatmet hat, wird trotz aller scheinbaren Erfolge niemals wirklich zufrieden sein. Ich jedenfalls sage Dank einem Kurt Tucholsky, der mir eine Einsicht vermittelt, wie es ist, seine Brise zu atmen, um den Wunsch zu verspüren, eigens einmal in diesen Genuss zu kommen.