Trend, Hype und andere Individualismen
Juni 24, 2008
Kaum aufgetaucht ist er schon auf dem Höhepunkt seiner Existenz; und ein Augenzwinkern weiter bereits wieder in den Tiefen der Unbedeutsamkeit verschwunden. Ein neuer Trend ist schnell entstanden, breitet sich in Lichtgeschwindigkeit zum überall angesagten Megahype aus und ist ebenso schnell wieder untergetaucht. Entgegen diesem Strom zu schwimmen, scheint fast unmöglich. Die von jedem für jedes beanspruchte Individualität ist Schein; Individualität goes Massentauglichkeit. Jede Idee und jeder Ausdruck von Individualität wird von einer Marketingmaschinerie aufgegriffen und in Cash umgewandelt. Es funktioniert vorzüglich.
Auf der Strecke bleibt dabei nur die um Andersheit ringende Person, die sich in Nischen aufhalten muss, die leider schnell entdeckt werden können. So schleicht der sich echter Individualität Verschriebene von einer Nische zur nächsten. Immer auf Flucht, immer mit der Angst lebend, von dem Ungeheuer Vermarktung entdeckt und ausgesaugt zu werden. Ein Leben in ständigem Wandel. Sobald man einen Eindringling in seine Nische ausgemacht hat, gilt es die Strategie des Chamäleons anzuwenden. Farbe wechseln, neue Nische finden und hoffen, sobald nicht wieder als Trendgeber herhalten zu müssen. Es heißt immer achtsam zu sein, die Gefahr lauert überall. Jedes noch so verrückte Outfit, jede noch so verrückte Idee, schier alles ist von dieser Gefahr bedroht, die sich Vermarktung nennt. Massentaugliche Besonderheit wird zum alles beherrschenden Label. Kollektive Einzigartigkeit, die sich durch kollektive Gleichartigkeit auszeichnet. Echte Individualität prallt auf Vermarktungspseudo-individualismus und vermischt sich zur Unkenntlichkeit. Bald weiß keiner mehr, wer anders ist, wer trendy. Alle sind anders, keiner ist anders. Was ist Selbstausdruck und was Massengut? Eine Independent-Kultur, die sich der Vermarktung hingibt und nur noch als Label und Werbestrategie fungiert. Da wird schnell mal ein alternativer Ort als massentauglicher Treffpunkt für einen Underground beworben, der inzwischen so undergroundig ist, dass er seinen Weg in die Werbung gefunden hat. Aber dies hat sicherlich auch sein Gutes. Immerhin wird somit eine alternative Szene einer viel größeren Gruppe von Menschen zugänglich.
Früher? War früher wirklich alles besser? Zumindest einfacher, weil eindeutiger. In meiner Jugend, da gab es sie noch, Nirvana, die eine große Band, die den Nerv einer ganzen Generation traf, die Probleme aller Jugendlichen zum Ausdruck brachte. Da gab es ihn noch, Pulp Fiction, den einen Film, den die ganze Generation gesehen hat und kollektiv zum Kultstreifen ihrer Jugend erklärte.
Genau dies könnte der entscheidende Unterschied sein, dieses „erklärte“. Es war kein gemachtes Phänomen, sondern ein entstandenes. Keine Werbung, die einem vermittelte, dass dies der neue Film des Jahres sein könnte, einer von bestimmt weiteren zwanzig folgenden Filmen des Jahres. Schon am Anfang des Jahres scheint die heutige Marketingmaschine zu wissen, was am Ende des Jahres das absolute Highlight, der Blockbuster, das Kinoereignis des Jahrzehnts gewesen sein wird. Die Tatsache, dass die zum reinen Konsumenten verkommene Person diese Weisheit in ständiger Wiederholung vermittelt wird, scheint nicht zu stören. Ist der Mensch inzwischen so degeneriert, dass ihm solche Widersprüchlichkeiten gar nicht mehr auffallen oder schlimmer noch, diese zwar irgendwie wahrgenommen, aber nicht reflektiert werden? Der allwissende und immer die Wahrheit sagende Gott Marketing würde einen schon auf etwaige Diskrepanzen und Unrichtigkeiten hinweisen. Ebenso sagt er einem, was wir gut finden sollen und was wir brauchen. Der Mensch als unmündiges, seelenloses und biegsames Wesen. Somit gut, dass einer die Aufgabe des Wegweisens übernimmt. Ob sich Gott wie in früheren Tagen im Angesicht der Religion offenbart oder wie heute im Angesicht des Marketing. Hauptsache ist doch, dass er da ist. Der Mensch immerhin scheint die Gebote der neuen Religion Ökonomie inzwischen verinnerlicht zu haben. Entsprechend der marktwirtschaftlichen Idee vom Ressourcen schonenden Einsatz von Energien, überlässt er anderen den Kräfte raubenden Prozess des Nachdenkens. Schön, wenn sich um einen gekümmert wird. Zuwendung suchen wir doch alle irgendwie. Und wenn diese dann gleich derart ubiquitär – um kurz im marktwirtschaftlichen Jargon zu verweilen – vorhanden ist, umso besser.
Problematisch wird es dann, wenn es sich bei der Fülle an Überangebot zu entscheiden gilt. Schließlich ist es unmöglich geworden, alle Angebote wahrzunehmen. Aber wie das richtige auswählen? Eine Strategie könnte die absolute Zufälligkeit sein. Denn der Mensch, inzwischen zu jeglicher Entscheidungsfindung unfähig, irrt ziellos im Dickicht des Angebots umher. Was mag er, was mag er nicht? Die Werbung sagt ihm: „Du magst alles. Du brauchst alles.“ Täglich sieht Mensch sich fünf neuen Superbands, zwei Kinostreifen mit absolutem Kultpotential, drei neuen Szenekneipen und einem neuen Klamottentrend ausgesetzt. All dem zu folgen bedarf einer Anstrengung, die unmenschlich anmutet. Dennoch nehmen einzelne Exemplare unserer Spezies diese Anstrengung auf sich und legen dabei eine Leistungsfähigkeit an den Tag, die mich verwundert dreinblicken lässt. Mir, als diesbezüglich weniger leistungsfähigem Exemplar, bleibt nur die Hoffnung, dass meine Untrendigkeit vielleicht morgen schon der neue Trend ist. Meine Jogginghose hat diesen Siegeszug schon angetreten. Einst auf die Couch des heimischen Wohnzimmers verbannt, ist sie inzwischen fester Bestandteil einer hippen Jugendkultur geworden, der ich anscheinend ohne mein Zutun jetzt angehöre. Gilt es nur noch zu realisieren, dass meine Jogginghose den Weg in die Freiheit gefunden hat und ich ohne schlechtes Gewissen die mir so wichtige Bequemlichkeit in die Öffentlichkeit tragen kann.
Also eine tolle Sache diese Trends, muss ich abschließend feststellen. Wo ich zwischenzeitlich noch dachte, diese würden einem etwas nehmen, hätten nur schlechte Eigenschaften, so muss ich festhalten, dass sie ebenso ermöglichender Natur sind und zwar ohne dass ich irgendetwas dafür machen muss. Wunderbar! Oder liege ich doch falsch? Kann ich nicht sagen. Alles so verwirrend. Alles zu viel. Ach, ich will meine eine Kultband zurück, den einen Blockbuster des Jahres im Kino gucken und vielleicht doch lieber meine Jogginghose weiterhin in den eigenen vier Wänden tragen.
Reichenreport Teil 1 –
Juni 24, 2008
…man muss sich schließlich nicht immer an dem Schlechten orientieren
Albert G., braungebrannter Sonnyboy, Mitte 50, graue, lockige Haare, Oberlippenbart, das schneeweiße Designerhemd lässig bis zum Bauchansatz aufgeknöpft, die goldene Rolex tritt immer wieder wie selbst- verständlich in das Blickfeld. Ob er sich für einen Frauen- schwarm halte, diese Beurteilung überlasse er anderen. Gut sehe er schon aus, Geschmack habe er auch, sicherlich gibt es einige Frauen, die sich zu ihm hingezogen fühlen. Aber diese Feststellungen beruhen lediglich auf einem gesunden Realismus, aber Frauen- schwarm – ein süffisantes Lächeln in seinen Wundwinkeln sagt nein. Neben ihm seine Frau Elisabeth, ebenfalls adrett und markenbewusst gekleidet, auffällig geschminkt, blonde, dauergewellte Haare, Schmuck behangen. Beide verbringen mal wieder ein Wochenende in der europäischen Luxusmetropole Cannes, welche nicht nur zur Zeit der Filmfestspiele ein Mekka der Schönen und Reichen ist, ein El Dorado für Modebewusste und ein Präsentationspflaster für alles was schön und teuer ist. Die Flaniermeile Boulevard de la Croisette bietet eine Luxusboutique neben der anderen, „near by near“, wie sich Albert in bestem, mit Anglizismen angereicherten Managerdeutsch auszudrücken pflegt. Ein Mann von Welt eben, dem das Englische eben so leicht und akzentfrei über die Lippen geht, ebenso natürlich erscheint, wie das geschminkte Gesicht seiner Gattin.
Wir haben auf der Terrasse ihres Wochenenddomizils Platz genommen und Albert erzählt von seinem für ihn bescheidenen Reichtum, während im Hintergrund wieder mal eine der unzähligen Jachten den Hafen anläuft. Dem mit weißen Schiffsrümpfen verzierten Erscheinungsbild des Hafens nach zu urteilen, sind diese schwimmenden Luxusbehausungen, deren monatlicher Unterhalt ein Jahresgehalt der meisten Menschen bei weitem über- steigen dürfte, in Cannes äußert beliebt. Albert G. besticht durch ein fundiertes Fachwissen über Kosten für Anschaffung und Unterhalt von Jachten. Und auch wenn sich Albert selbst eine solche Jacht nicht leisten kann, so ist er sich dennoch sicher, dass dieses Domizil der Reichen genau der richtige Ort für ihn ist. Nicht nur das finanzielle Kapital ist es, welches hier zählt. Es geht auch darum, einen bestimmten Habitus, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen. Von Bedeutung ist ein gewisses geistiges Kapital, welches sich in Cannes in einem breiten Wissen über Preise von Gütern des Luxussegments ausdrückt. Status definiert sich hier nicht nur über Kaufkraft und Vermögen, sondern auch über Schein. Statussymbole kennen, erkennen und präsentieren, dass sind die drei wesentlichen Eigenschaften, mit denen ein sich zur Klientel der Reichen zugehörig Fühlender auskennen sollte.
Anstelle einer Luxusjacht leistet sich Albert eine Ehefrau. Etwas billiger, aber dennoch repräsentativ. Genauso wie sein Auto sei sie etwas, auf das er stolz sein möchte. Daher sieht er Elisabeth gerne in den neusten und teuersten Kleidern verschiedener angesagter Modedesigner. So zeigt es sie gerne vor; und sie lässt sich auch gerne vorzeigen. Kein Protest bei der Anmerkung ihres Mannes, sie sei sein persönliches Statusobjekt. Nun gut, sie ist eigentlich ein Subjekt, aber da wo das Geld fließt, nimmt man diese Unter- schiede nicht so genau. Schließlich dient dieses Arrangement Ehe beiden zum Vorteil. Elisabeths Passion ist es, sich ständig die neusten Mode- und Schmuck- kreationen zu kaufen. So gesehen eine äußert gelungen Mann-Frau-Kooperation.
Cannes scheint der Himmel auf Erden zu sein, sofern man sich für Geldausgeben, Markenartikel und andere dekadente Freuden des Lebens begeistert. Ein gewisser Stolz macht sich bei Albert, dem millionenschweren Unternehmer aus der Ruhrgebietsstadt Witten, bei der Erzählung breit, wie er es geschafft hat Teil dieser vermögenden und privilegierten Elite zu werden. Im wurde der Reichtum nicht in die Wiege gelegt. Gut, sein Vater besaß bereits die Firma, aber was er daraus gemacht hat, hätte sich sein alter Herr vermutlich nie träumen lassen. Ein Erfolgsmensch ist Albert G., ein Macher, einer der es geschafft hat. Deshalb ist sich Albert G. klar, hier nach Cannes gehört er hin, zu den Erfolgsmenschen, zu Seinesgleichen. Und auch wenn er nicht zu den Reichsten der Reichen zählt, so schätzt er sich doch glücklich, unter diesen zu weilen. So unendlich mal viel besser als im Ruhrpott unter den neidischen Blicken der armen Bevölkerung dahin zu vegetieren. Schließlich ist es nicht seine Schuld, dass die Armen arm sind. Jeder hat die Möglichkeit reich zu sein; es Bedarf lediglich ein bisschen Mühe, Köpfchen und Durch- haltevermögen. Er hat es doch auch geschafft. Wenn sich andere so anstrengen wie Albert, dann wird es vielleicht noch etwas, mit dem Aufstieg.
Verständnis hat Albert für die jungen Neureichen, die in den Clubs der Stadt sich eine Flasche des besten Champagners bestellen, um sie wild schüttelnd bei einer ausgelassen Party über die anderen jungen und ebenfalls reichen Gäste zu spritzen. Es ist eine Frage des Stils, nicht des Verstehens. Und Stil muss man eben haben. In diesem Kontext ist es folgerichtig, dass man 2500 Euro für eine Flasche Champus ausgibt, die man nicht trinkt, sondern ausschüttet. Dies ist für Albert nicht Ausdruck von Dekadenz, sondern von einem bestimmten Lebens- gefühl. Man muss einfach dazu gehören, um es zu verstehen. Daher fällt es den armen Menschen in seiner Heimatstadt so schwer, seinen Lebensstil zu verstehen. Stattdessen ergehen sie sich in Neid. Was einem bleibt ist Abgrenzung von diesen Andersartigen. Und eine auf Stadtgröße ausgedehnte Gated Community für Leute seines Schlags, schafft dafür den idealen Ausgrenzungs- lebensraum. Ein besonderer Ort für besondere Menschen.
Ob er sich vorstellen kann, dass eine Verbindung zwischen seinem Reichtum und der Armut anderen Menschen besteht? Das hält Albert G. für mediale Meinungsmacht, für eine Taktik von Personen, die nicht seinen Ergeiz an den Tag legen und über ihre selbst verschuldetet Lebenslage hinwegtäuschen wollen, indem sie Personen wie ihn angreifen und mit Vorurteilen und Verurteilungen übersäen. Gemäß der amerikanischen Philosophie vom Tellerwäscher zum Millionär kann es jeder schaffen, so meint Albert. Eine Welt, in der es nur reiche, zufriedene und sorgefreie Menschen gibt, ist demnach möglich. Aber wenn alle reich sind, sind dann auch nicht alle gleichzeitig arm? An dieser Frage wird das Verharren in armen Denkstrukturen deutlich, sich Gedanken zu machen über alle möglichen Dinge. Diese Belastung fällt in der Welt der Reichen weg. Denn wenn man seine Geschäfte profitabel führt, ist einem jegliches kritisches sinnieren über die Welt abgenommen. Wer reich ist, ist reich; alle Probleme schwinden dahin, die Welt wird zu einem Ort von Frieden und Zufriedenheit. Paradiesisch. Also gilt es ein bisschen mehr wie Albert zu werden, ein bisschen mehr Macher, ein bisschen mehr Erfolgsmensch.