Mediendiskussion Teil 2

August 13, 2008

Versuch der Konfusionsauflösung

Das Gefühl des Missmutes verdrängt, mache ich mich erneut auf zum Illustrationsversuch eines originär gesellschaftlich unbedeutenden Ereignisses auf seinem Weg zum Medienolymp oder zumindest, um in dem Bild der geomorphologischen Analogien zu bleiben, zu einer medialen Erhebung. Zunächst gilt es die sich bei dem erstmaligen Beitrag auftuende Konfusion, dem Versuch einer Auflösung zu unterziehen. Mit anderen Worten, es gilt Klarheit zu schaffen. Denn Klarheit ist das einzige, was einen auf dem Weg zur Erkenntnis weiterbringt. Doch wie stellt sich Erkenntnis mittels Klarheit ein? Entsprechend der Idee, Objektivität – der ich irgendeine, von mir leider nicht näher erklärbare Verbindung mir den Begriffen Klarheit und Erkenntnis zuschreibe – werde durch eine gemeinsame gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit erreicht, wende ich mich einer gesellschaftlich weithin geteilten Wirklichkeitskonstruktion und somit einem als objektive Methode anerkannten Verfahren zu: der wissenschaftlichen Untersuchung. Meine Idee ist folgende: Den Regeln der quasiobjektiven Wissenschaft folgend, möchte ich versuchen, eine Fallstudie durchzuführen und aus den Ergebnissen dieser Studie gemäß dem gebräuchlichen Prinzip der Induktion eine allgemeingültige Erkenntnis für die Arbeitsweise der Medien abzuleiten. Sollte diese mit den bisherigen allgemeinen Erkenntnissen kompatibel sein, wäre dies auch für mich ein ausreichender Beweis, dass ich mit meinen Ausgangsannahmen falsch liege und mein Projekt in den allerersten Zügen bereits zum Scheitern verurteilt war.

Daher möchte ich nun das Exempel bemühen, welches eigentlich zur anfänglich geplanten Wegillustration gedacht war und je nach Ergebnis meiner Studie auch wieder als solches dienen kann. Aus Gründen der Aktualität bediene ich mich des Beispiels der Unfälle von Bergsteigern, die in der letzten Zeit vermehrt in den Medien Erwähnung gefunden haben. Besitzt dieses Thema Relevanz? Intuitiv würde ich sagen, zumindest mehr als meine erste Exempelidee, das Phänomen „Eisbärenbabys in deutschen Zoos“, das mit dem geliebten Knut eine Zeit lang einen wahren Medienhype ausgelöst hat. Da dieses allerdings gerade nicht sehr präsent ist, somit keine Aktualität gegeben ist, wäre laut offizieller Definition ein Kriterium für Relevanz nicht erfüllt. Auf das Thema Eisbärenbabys werde ich eventuell an geeigneter Stelle noch zu sprechen kommen. Wichtig erscheint mir für den Moment, dass zur möglichst objektiven Ergebnisfindung die offiziellen Kriterien der Nachrichtenauswahl erfüllt sein sollten. Daher ist mir Aktualität wichtig. Somit zurück zu den Bergsteigerunfällen. Aktualität ist gegeben. Bieten diese aber auch die nötige Relevanz? Aus humanistischen Gründen würde ich dem Tod mehrere Bergsteiger mehr Relevanz zuordnen als den ersten Regungen von Eisbärenbabys. Aber wie gesagt, es handelt sich um eine eher intuitive Feststellung, die dem gestrengen Urteil der Wissenschaft nicht standhalten kann. Da allerdings das Kriterium der Aktualität erfüllt ist, das zweite Kriterium, allgemeines Interesse, Gegenstand der Untersuchung ist, entscheide ich mich für die axiomatische Annahme, dass es sich bei der Auswahl des Analysematerials um ein geeignetes Fallbeispiel handelt.

Also ran ans wissenschaftliche Arbeiten. Wie ging das noch? Ach ja. Zunächst einmal die Forschungsfrage formulieren. Diese lautet: Erfüllt das Thema Bergsteigerunfälle entsprechend eines objektiven Urteils tatsächlich das Kriterium des allgemeinen Interesses oder ist es eher den Nachrichtenrezipienten durch die Medien aufoktroyiert worden? Auffällig ist die rezente Häufung von Ereignissen in diesem Themenbereich, wo zuvor höchst selten von gleichthematischen Nachrichten berichtet worden ist. Deshalb schließt sich hier meine zweite Frage an, nämlich ob tatsächlich diese Ereignisse in einer größeren Häufung auftreten oder ob diesen lediglich mehr Bedeutung zugemessen wird. In einem nächsten Schritt gilt es die zur Beantwortung der Fragen geeignete Methode zu finden. Da es sich um das Thema Medien handelt, was wäre da nahe liegender als es mit einer Medienanalyse zu versuchen. Diese bietet wiederum diverse Verfahren an. Entsprechend des Erklärungsmodells der zweckrationalen Handlungstheorie verhält sich der Mensch als Homo oecomomicus; das heißt der eigene Nutzen ist stets im Vordergrund. Übertragen auf mein Thema würde dies bedeuten, dass das Interesse der Medien gleichbedeutend ist mit Nutzen. Nutzen verstanden als finanzieller Gewinn würde jegliche Objektivität in einen Materialismus auflösen, der wiederum nach subjektiven Kriterien funktioniert. Eine solche Erklärung scheint mir zu viel Einseitigkeit und Einfachheit aufzuweisen, als dass sie als richtig bzw. ausreichend angesehen werden könnte. Wissenschaft ist komplex, bedarf der empirischen Belege; diese Eigenschaften vermag mein Erklärungsansatz nicht zu erfüllen.

Ich werde es also mit einer anderen Methode versuchen. Doch die Entscheidung für die richtige Methode ist schwerer als gedacht, möchte ich doch ein möglichst objektives, im Sinne von nicht vorab beeinflusstes Ergebnis. Doch zu vorgeprägt und einseitig erscheinen mir die Methoden. So verspricht eine Herangehensweise gemäß positivistischem Theoriehintergrund als Ergebnis die Bestätigung der offiziellen Mediengrundsätze zu liefern. Eine eher konstruktivistische, postmoderne Theorie würde vermutlich eher meinen Eingangsvermutungen Recht geben. Da die Wissenschaft die von mir bereits bei der Wahl des Untersuchungsgegenstands genutzte Möglichkeit des Axioms bereithält, wodurch eine Aussage als unhinterfragbar richtig hingestellt wird, möchte ich mich dieser Möglichkeit auch an dieser Stelle nicht verwehren und entscheide mich für eine eigens kreierte axiomatische Medienanalyse, deren Methodik ich somit als angemessen zur Beantwortung der Forschungsfragen postuliere.

Was ist wichtig für eine wissenschaftlich empirische Untersuchung? Die Wahl eines ausreichend langen Untersuchungszeitraums und ein gewisser Umfangreichtum des Analysematerials fallen mir spontan ein. Ich möchte Sie, den Leser, nicht mit der langweiligen und zeitintensiven Auswertung des Materials langweilen, sondern nur den Hinweis geben, dass ein Blick auf alle Geschehnisse der Welt unmöglich ist. Dennoch versprechen Nachrichtenagenturen einen ungefähren Einblick in das weltweit wichtigste Tagesgeschehen zu liefern, wenn auch bereits stark selektiert und regional ungleichmäßig gewichtet. Aber immerhin der größte sich uns bietende Umfang an Nachrichten und Informationen. Eine Zahl, auf die ich im Laufe der Auswertung stieß, scheint mir interessant. Lediglich ungefähr zehn Prozent der bereits selektierten Nachrichten finden den Weg in die tägliche mediale Berichterstattung. Mathematisches Können ist gefragt, um bei dem nun folgenden Rechenexempel den Überblick zu bewahren. Wenn also rein hypothetisch bereits nur 80 Prozent aller „wichtigen“ Nachrichten die Agenturen erreichen, davon 90 Prozent keinen Platz in der Medienberichterstattung finden, von den verbleibenden 10 Prozent, wobei allerdings im Hinterkopf behalten werden muss, dass diese sich bereits aus einer nur 20 Prozent aller wichtigen Nachrichten berücksichtigenden Menge an Informationen zusammensetzen, wiederum nur wenige Informationen den Konsumenten wirklich erreichen, dann zeigt sich, nun ja, zumindest dass die Abschätzung von Relevanz ein schwieriges Thema ist.

Zu diesem ersten Teilergebnis möchte ich den Untersuchungszeitraum in Relation setzten. Jeden Tag diese soeben rechnerisch nachgewiesene Menge an Nachrichten; einen Untersuchungszeitraum von mehreren Jahren zu wählen, käme sisyphus´schen Anstrengungen gleich. Jeden Tag eine Teilmenge bearbeiten, jeden Tag eine neue Teilmenge dazu, ein Ende wäre nicht absehbar. Aber muss der Zeitraum denn wirklich so lang sein? Ich meine nein, schließlich genügt doch einfach ein Blick auf die Agenturmeldungen einiger Tage, an denen nicht von Unfällen von Bergsteigern berichtet worden ist. Diese Herangehensweise führt zu meinem zweiten Teilergebnis. An fast jedem x-beliebig gewählten Tag lassen sich Berichte von Bergsteigerunfällen nachlesen.

Also doch ein medial eher unbedeutendes Ereignis? Könnte sein, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Für ein eindeutiges und zweifelsfrei objektives Ergebnis reicht wohl leider meine Fähigkeit zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung nicht aus. Dennoch verspüre ich trotz des Eingeständnisses persönlicher Unzulänglichkeiten vor dem Hintergrund meines Resultats so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Mich befällt das Gefühl, die Medien versuchter Weise der Gefahr der Diskreditierung ausgesetzt zu haben. Zudem habe ich auf recht stümperhafte Weise versucht, mich wissenschaftlicher Verfahren zu bedienen, was in den Augen tatsächlicher Wissenschaftler leicht als Missbrauch verstanden werden könnte. Dies war – so möchte ich in aller Deutlichkeit versichern – nicht meine Absicht. Ein wenig Angst bereitet mir mein vermutlich nicht weiter relevantes Ergebnis schließlich auch noch. Was nun, wenn unsere Nachrichten vielleicht gar nicht wirklich relevant sind, vielleicht gar nicht objektiv, vielleicht gar nicht der Wahrheit entsprechen? Das wäre doch schrecklich, worauf sollte man sich dann noch verlassen? Um mir nicht selber gänzlich den medialen Boden unter den Füßen wegzuziehen, möchte ich meine Untersuchung hiermit lieber abschließen. Es gibt Dinge, die sollte man nicht bis in ihre Grundfesten zerlegen und hinterfragen, da sonst eben der Boden, auf dem man so sicher meinte zu stehen, ins Wanken geraten könnte.

Abschließend fällt mir erneut auf, dass eine Illustration des Weges eines medialen Ereignisses mir auch dieses Mal nicht wirklich gelingen wollte. Zu meiner Entschuldigung: Der Wille war da, der Ergeiz ebenfalls, lediglich an der Ausführung hat es gehapert. Vielleicht doch die falsche Methodenwahl? Wie gesagt, meine wissenschaftliche Arbeitsweise ist verbesserungswürdig und mit ziemlicher Sicherheit existiert die richtige Methode für meinen Untersuchungsgegenstand. Vermutlich habe ich nicht intensiv genug danach gesucht, womit ich noch mal in aller Deutlichkeit darauf aufmerksam machen möchte, dass ich jegliche Schuld von der Wissenschaft abwende, sofern im Eifer des Untersuchungsgefechts der Eindruck entstanden sein sollte, diese halte keine geeignete Methode bereit. Um Sie, meinen hochverehrten Leser, nicht wieder mit Vielleichts und Möglicherweisen auf ein nächstes Mal zu vertrösten, gelobige ich zukünftig eine neue Herangehensweise, die mit absoluter Sicherheit zum Ziel führen wird. Dies kann ich ohne schlechtes Gewissen versprechen; zumindest wenn man davon ausgeht, dass der Weg das Ziel ist.

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