„Die Mitte“ wie Bottrop? Sicher nicht!
April 9, 2009
Abweisende Fassade, langweilige Architektur, ideenlos und nur auf kostengünstiges Bauen konzentriert; so wird Berlins neues Einkaufszentrum „Die Mitte“ in den Medien dargestellt. Der Architekturpsychologe Stephan Obenhaus meinte gestern in einem TAZ-Interview, eine solche Fassade wie die des neuen Einkaufszentrums am Alex könnte auch in Bottrop stehen. Damit zu viel der Demütigung! Dem neuen Gebäude im Herzen Berlins widerfährt Unrecht. Warum? Das zeigt die folgende Betrachtung.
Es lohnt sich ein genauer Blick auf das neue Gebäude. Denn erst dann erkennt man die Besonderheit dieses baulichen Glanzpunktes der Düsseldorfer Architekten Rhode, Kellermann und Wawrowsky. Von Langeweile und abweisender Wirkung ist nämlich nichts zu merken. Und das nicht nur, weil am Eröffnungstag die Besucher in Massen in den Elektronikpalast mit angegliederten Geschäften strömten. Gerade der sich auf den ersten Blick als Langeweile tarnende Eindruck eröffnet schon beim zweiten Hinsehen die spannenden Facetten der elegant zurückhaltenden Architektur. Schon die Rückwand des Einkaufszentrums setzt neue Maßstäbe im Bereich reduktionistischer Baukunst. Eine schlicht in beige gehaltene, glatt verputzte Fassade kommt ohne weitere Architekturelemente aus. Sie wirkt wie der starke Rücken, der ruhende Pol eines brodelnden Körpers im Zentrum von Berlin.
Wendet man sich der Front zu, so wird klar: auch diese kann mit schlichter Eleganz und klarer geometrischer Formensprache überzeugen. Sicherlich hätte man auf eine auffälligere Farbgebung und eine verschnörkelte Fassadengestaltung, wie sie das Alexa schräg gegenüber vormacht, setzen können. Aber ein derartiges Ringen um Aufmerksamkeit hat „Die Mitte“ einfach nicht nötig. Der monolithische Baukörper besticht durch geordnete Linien und ein simples, aber damit auch geniales bauliches Konzept.
Dem sechsgeschossigen Shoppingzentrum gelingt es mit dem Schließen der letzten Baulücke am Alex dessen bauliche Rahmung gelungen zu komplettieren. Der neue architektonische Fels in der Brandung von Touristenmassen verlangt geradezu nach einfachen Formen, um dem tagtäglichen Highlife standhalten zu können. Das Alexa hat es da ja schön einfach. Ein wenig abseits vom Trubel des Massen kann es sich vielerlei bauliche Eskapaden unbekümmert erlauben und muss sich nicht in bestehende Architektur einfügen. Von „der Mitte“ wird da schon mehr verlangt. Nicht nur den Massen gilt es standzuhalten, auch zahlreiche andere Herausforderungen waren zu meistern. Es galt sich in die umliegende Bebauung einzufügen und dennoch modern zu wirken. Eine große Bürde, die mit Bravour gemeistert wurde. Auf überzeugende Weise gelingt die bauliche Anlehnung an die Architektur der Umgebung. Gekonnt, ja fast spielerisch nimmt „Die Mitte“ Farbe und Materialität der anderen Gebäude mit dem Fassadenelement Naturstein auf. Gut, vielleicht sehen die großen Natursteinflächen etwas steril aus, aber vor dem Hintergrund der Herausforderungen muss man den Bauherren Respekt zollen. Alles andere als die zurückhaltende und einfache Gestaltung des Einkaufszentrums wäre eventuell nicht geglückt.
Auch der Bogen zur Moderne wird ambitioniert gespannt. Zeitgemäße Baumaterialien wie Glas und Metall erzeugen in Kombination mit dem eher altbacken wirkenden Natursandstein eine spannungs- und kontrastreiche Ästhetik. Die Verbindung von Moderne und sozialistischer Bauweise ist, naja, vielleicht nicht direkt gelungen, aber immerhin sichtbar. Ein solcher Brückenschlag gehört sicherlich zu den schwierigsten Aufgaben, mit denen sich Architekten konfrontiert sehen. Daher ist schon allein der Versuch aller Ehren wert. Im Gegensatz zum Alexa ist kein neuer Fremdkörper in der Mitte der Stadt entstanden, was sich als Erfolg bezeichnen lässt. Selbst wenn der ein oder andere von der baulichen Schönheit des Gebäudes nicht überzeugt ist, so gilt es doch den Versuch zu würdigen.
Abschließend möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine weitere architektonische Besonderheit lenken: den semitransparenten Charakter des Gebäudes. Durch die teilverglaste Fassade entsteht der Eindruck von Offenheit und Transparenz. „Die Mitte“ ist damit absolut am Puls der Zeit, zumindest wenn man es mit modernen Bürobauten vergleicht. Sicherlich, mag man jetzt einwenden, „Die Mitte“ ist kein Bürogebäude. Aber dann ist man hier eben neue Wege gegangen. Man kann von Mut sprechen, den die Architekten hier an den Tag gelegt haben, womit der Vorwurf der Langeweile spätestens jetzt entkräftet sein dürfte. Mein persönliches Highlight bleibt allerdings trotz außergewöhnlicher Architektur das Duschbad, das ich bei dem großen Eröffnungsreigen geschenkt bekommen habe. Doch! Sicherlich, „Die Mitte“ überzeugt als Bauwerk! An dieser Stelle seien nur noch mal die Stichworte Herausforderung, Reduktionismus und vielleicht genannt. Aber so ein Duschbad bekommt man nun mal auch nicht alle Tage geschenkt.