Reichenreport Teil 1 –
Juni 24, 2008
…man muss sich schließlich nicht immer an dem Schlechten orientieren
Albert G., braungebrannter Sonnyboy, Mitte 50, graue, lockige Haare, Oberlippenbart, das schneeweiße Designerhemd lässig bis zum Bauchansatz aufgeknöpft, die goldene Rolex tritt immer wieder wie selbst- verständlich in das Blickfeld. Ob er sich für einen Frauen- schwarm halte, diese Beurteilung überlasse er anderen. Gut sehe er schon aus, Geschmack habe er auch, sicherlich gibt es einige Frauen, die sich zu ihm hingezogen fühlen. Aber diese Feststellungen beruhen lediglich auf einem gesunden Realismus, aber Frauen- schwarm – ein süffisantes Lächeln in seinen Wundwinkeln sagt nein. Neben ihm seine Frau Elisabeth, ebenfalls adrett und markenbewusst gekleidet, auffällig geschminkt, blonde, dauergewellte Haare, Schmuck behangen. Beide verbringen mal wieder ein Wochenende in der europäischen Luxusmetropole Cannes, welche nicht nur zur Zeit der Filmfestspiele ein Mekka der Schönen und Reichen ist, ein El Dorado für Modebewusste und ein Präsentationspflaster für alles was schön und teuer ist. Die Flaniermeile Boulevard de la Croisette bietet eine Luxusboutique neben der anderen, „near by near“, wie sich Albert in bestem, mit Anglizismen angereicherten Managerdeutsch auszudrücken pflegt. Ein Mann von Welt eben, dem das Englische eben so leicht und akzentfrei über die Lippen geht, ebenso natürlich erscheint, wie das geschminkte Gesicht seiner Gattin.
Wir haben auf der Terrasse ihres Wochenenddomizils Platz genommen und Albert erzählt von seinem für ihn bescheidenen Reichtum, während im Hintergrund wieder mal eine der unzähligen Jachten den Hafen anläuft. Dem mit weißen Schiffsrümpfen verzierten Erscheinungsbild des Hafens nach zu urteilen, sind diese schwimmenden Luxusbehausungen, deren monatlicher Unterhalt ein Jahresgehalt der meisten Menschen bei weitem über- steigen dürfte, in Cannes äußert beliebt. Albert G. besticht durch ein fundiertes Fachwissen über Kosten für Anschaffung und Unterhalt von Jachten. Und auch wenn sich Albert selbst eine solche Jacht nicht leisten kann, so ist er sich dennoch sicher, dass dieses Domizil der Reichen genau der richtige Ort für ihn ist. Nicht nur das finanzielle Kapital ist es, welches hier zählt. Es geht auch darum, einen bestimmten Habitus, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen. Von Bedeutung ist ein gewisses geistiges Kapital, welches sich in Cannes in einem breiten Wissen über Preise von Gütern des Luxussegments ausdrückt. Status definiert sich hier nicht nur über Kaufkraft und Vermögen, sondern auch über Schein. Statussymbole kennen, erkennen und präsentieren, dass sind die drei wesentlichen Eigenschaften, mit denen ein sich zur Klientel der Reichen zugehörig Fühlender auskennen sollte.
Anstelle einer Luxusjacht leistet sich Albert eine Ehefrau. Etwas billiger, aber dennoch repräsentativ. Genauso wie sein Auto sei sie etwas, auf das er stolz sein möchte. Daher sieht er Elisabeth gerne in den neusten und teuersten Kleidern verschiedener angesagter Modedesigner. So zeigt es sie gerne vor; und sie lässt sich auch gerne vorzeigen. Kein Protest bei der Anmerkung ihres Mannes, sie sei sein persönliches Statusobjekt. Nun gut, sie ist eigentlich ein Subjekt, aber da wo das Geld fließt, nimmt man diese Unter- schiede nicht so genau. Schließlich dient dieses Arrangement Ehe beiden zum Vorteil. Elisabeths Passion ist es, sich ständig die neusten Mode- und Schmuck- kreationen zu kaufen. So gesehen eine äußert gelungen Mann-Frau-Kooperation.
Cannes scheint der Himmel auf Erden zu sein, sofern man sich für Geldausgeben, Markenartikel und andere dekadente Freuden des Lebens begeistert. Ein gewisser Stolz macht sich bei Albert, dem millionenschweren Unternehmer aus der Ruhrgebietsstadt Witten, bei der Erzählung breit, wie er es geschafft hat Teil dieser vermögenden und privilegierten Elite zu werden. Im wurde der Reichtum nicht in die Wiege gelegt. Gut, sein Vater besaß bereits die Firma, aber was er daraus gemacht hat, hätte sich sein alter Herr vermutlich nie träumen lassen. Ein Erfolgsmensch ist Albert G., ein Macher, einer der es geschafft hat. Deshalb ist sich Albert G. klar, hier nach Cannes gehört er hin, zu den Erfolgsmenschen, zu Seinesgleichen. Und auch wenn er nicht zu den Reichsten der Reichen zählt, so schätzt er sich doch glücklich, unter diesen zu weilen. So unendlich mal viel besser als im Ruhrpott unter den neidischen Blicken der armen Bevölkerung dahin zu vegetieren. Schließlich ist es nicht seine Schuld, dass die Armen arm sind. Jeder hat die Möglichkeit reich zu sein; es Bedarf lediglich ein bisschen Mühe, Köpfchen und Durch- haltevermögen. Er hat es doch auch geschafft. Wenn sich andere so anstrengen wie Albert, dann wird es vielleicht noch etwas, mit dem Aufstieg.
Verständnis hat Albert für die jungen Neureichen, die in den Clubs der Stadt sich eine Flasche des besten Champagners bestellen, um sie wild schüttelnd bei einer ausgelassen Party über die anderen jungen und ebenfalls reichen Gäste zu spritzen. Es ist eine Frage des Stils, nicht des Verstehens. Und Stil muss man eben haben. In diesem Kontext ist es folgerichtig, dass man 2500 Euro für eine Flasche Champus ausgibt, die man nicht trinkt, sondern ausschüttet. Dies ist für Albert nicht Ausdruck von Dekadenz, sondern von einem bestimmten Lebens- gefühl. Man muss einfach dazu gehören, um es zu verstehen. Daher fällt es den armen Menschen in seiner Heimatstadt so schwer, seinen Lebensstil zu verstehen. Stattdessen ergehen sie sich in Neid. Was einem bleibt ist Abgrenzung von diesen Andersartigen. Und eine auf Stadtgröße ausgedehnte Gated Community für Leute seines Schlags, schafft dafür den idealen Ausgrenzungs- lebensraum. Ein besonderer Ort für besondere Menschen.
Ob er sich vorstellen kann, dass eine Verbindung zwischen seinem Reichtum und der Armut anderen Menschen besteht? Das hält Albert G. für mediale Meinungsmacht, für eine Taktik von Personen, die nicht seinen Ergeiz an den Tag legen und über ihre selbst verschuldetet Lebenslage hinwegtäuschen wollen, indem sie Personen wie ihn angreifen und mit Vorurteilen und Verurteilungen übersäen. Gemäß der amerikanischen Philosophie vom Tellerwäscher zum Millionär kann es jeder schaffen, so meint Albert. Eine Welt, in der es nur reiche, zufriedene und sorgefreie Menschen gibt, ist demnach möglich. Aber wenn alle reich sind, sind dann auch nicht alle gleichzeitig arm? An dieser Frage wird das Verharren in armen Denkstrukturen deutlich, sich Gedanken zu machen über alle möglichen Dinge. Diese Belastung fällt in der Welt der Reichen weg. Denn wenn man seine Geschäfte profitabel führt, ist einem jegliches kritisches sinnieren über die Welt abgenommen. Wer reich ist, ist reich; alle Probleme schwinden dahin, die Welt wird zu einem Ort von Frieden und Zufriedenheit. Paradiesisch. Also gilt es ein bisschen mehr wie Albert zu werden, ein bisschen mehr Macher, ein bisschen mehr Erfolgsmensch.