Erst mal zu den harten Fakten: „Es gibt keine ´gemäßigten` Taliban“, sagt Afghanistan-Expertin Citha D. Maass von der Stiftung Wissenschaft und Politik im ARD Interview. Der hochverehrte und leider inzwischen weitestgehend wieder von der Bundesbildfläche verschwundene SPDler Kurt Beck hatte diesen Begriff geprägt. „Gemäßigt“, nur ein Begriff? Da sollte man lieber vorsichtig sein. Drückt man der Brutalotaliban den Stempel der Friedfertigkeit – naja, das wäre wohl zu viel – bzw. dann wohl doch eher einfach des Gemäßigtseins auf, so könnte es uns ergehen, wie mit dem Finger und der Hand, sie wissen schon. Reicht man ihnen den kleinen Finger, so nehmen sie gleich die ganze Hand. Also heißt es auf Kurs bleiben, sich hart und erbarmungslos zeigen, damit keinerlei Irritationen über die Stärke und Durchsetzungsfähigkeit der westlichen Besatzer entstehen.

Und wer ist dran Schuld, Schuld dass die Friedensbringer, wie schon so oft zuvor, gezwungen werden, mal wieder Härte an den Tag zu legen – wenn auch in diesem Fall nur rhetorischer Art? Hamid Karsai war´s! Der afghanische Präsident war es nämlich, der Kurt Beck den Floh der „gemäßigten“ Taliban ins Ohr setzte. Aber zum Glück haben wir eine solch integere und intelligente Frau wie Citha D. Maass, die solch rhetorische Verfehlungen wieder ins rechte Licht rücken kann. Sie war zwar „auch schockiert, als er das damals sagte, weil mir klar war, dass es ´gemäßigte` Taliban nicht gibt“. Vermutlich wie wir alle. Aber ihr ist es zu verdanken, dass aus dem rhetorischen Fauxpas des ehemaligen Spitzenmannes der SPD nicht mehr werden wird. Denn würden die Taliban dank dieser sprachlichen Verniedlichung mit mehr Nachsicht behandelt werden, nun ja, die Auswirkungen auf den laufenden Friedens-prozess wären kaum ausdenkbar. „Man darf in diesem Zusammenhang wirklich nicht mit Moralbegriffen operieren, aber den Kampf muss man aus einer Position der Stärke heraus führen“, erklärt Frau Maass. Problem erkannt, erklärt und gebannt. Den weiteren Verhandlungen mit ausschließlich radikalen Taliban steht nichts mehr im Wege. Und da wir jetzt alle den Wis- sensstand von Frau Maass teilen dürfen, wissen wir auch, „gemäßigt“ ist in diesem Zusammenhang ein böses Wort. Danke Frau Maass!

Den Bogen überspannt

Januar 15, 2008

Was ist dem Bürger zuzumuten? Diese Frage scheint die Politik in zahlreichen Entscheidungen tagtäglich auszuloten. Roland Koch, hessischer Ministerpräsident, geht jetzt noch einen Schritt weiter. Was ist Politikern und insbesondere Parteifreunden zuzumuten? Die hessische Landtagswahl möchte Koch um jeden Preis gewinnen. Dies war auch schon im Vorfeld seiner Wahlkampagnen klar – Wahlkampagnen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob ich sie eher innovativ, experimentell, unorthodox oder paradox nennen soll. Seine Idee eines verschärften Umgangs mit straffällig gewordenen Jugendlichen, die einen Migrationshintergrund aufweisen, – eine schwierige Begrifflichkeit – wurde von Parteigenossen und vor allem der für zünftige Worte bekannten bayrischen CSU noch unterstützt. Mit seinem neusten Vorstoß scheint Koch allerdings den Bogen überspannt zu haben. Sich möglicherweise schon als sicher wiedergewählter Ministerpräsident wähnend, dachte er sich wohl noch einen drauf setzen zu können. Dies ging allerdings ein wenig nach hinten los. Vielleicht weil schon der genannte erste Vorstoß g renzgängig gewesen ist, vielleicht auch weil der Union in einer geschlossenen Front der übrigen Parteien Rechtspopulismus und versuchter Stimmenfang im rechten Lager vorgeworfen worden ist. Jedenfalls zog die Union bei dem neuen Vorschlag, die Strafmündigkeit für Kinder unter die bisherige Grenze von 14 Jahren herabzusetzen, nicht mit.

Ob diese Reaktion Koch überrascht hat oder nicht, sei einmal dahingestellt. Für ihn besteht jedenfalls die Dringlichkeit, infolge einer sich erhöhenden Zahl von Gewaltdelikten bei Jugendlichen zu reagieren. Doch woher nimmt Koch diese Zahl? Genaue Belege lassen sich nicht ausfindig machen. Die über solche Strafdelikte Aussagen treffenden Quellen lassen sich in den Kriminalstatistiken von Bund und Ländern finden. Zunächst mal trifft man dort auf eine Untermauerung der „Koch´schen Thesen“. Das Hessische Landeskriminalamt bestätigt für die letzten Jahre eine Zunahme an von Jugendlichen verübten Gewaltdelikten in Hessen. Allerdings gilt es zwei nicht ganz unwesentliche Punkte zu beachten. Seit 2005 ist bundesweit und auch im Speziellen für Hessen ein Rückgang besagter Gewaltdelikte zu verzeichnen. Wieso also äußert Koch erst 2008 seine Ideen vom veränderten Umgang mit straffällig gewordenen Jugendlichen? Wieso hat er nicht viel früher auf das Problem der Gewalt unter Jugendlichen aufmerksam gemacht; wieso nicht zu einer Zeit, da das Problem wesentlich akuter war? Diese Fragen lassen für mich leider nur eine Antwort zu: Es ist Wahlkampfzeit!

Ein zweiter Punkt, der nicht unter den Tisch fallen sollte, ist folgende Tatsache: Laut Quellen der polizeilichen Kriminalstatistik verringerte sich die Anzahl der Jugendlichen und Heranwachsenden in der Tatverdächtigenstatistik in den letzten zehn Jahren um einen Anteil von über acht Prozent. Woran mag es liegen, dass dieser Trend nicht gleichsam auch für Hessen festzustellen ist? Die Vermutung liegt nahe, dass in Hessen im Bereich der Kriminalprävention und dabei insbesondere bei Kindern und Jugendlichen unzureichende Arbeit geleistet worden ist. Kochs Vorstoß bezüglich des Handlungsbedarfs im Bereich der Jugendgewaltprävention sollte somit als das betrachtet werden, was er wirklich ist: ein Eingeständnis einer verfehlten Politik der hessischen Regierung auf diesem Sektor und nicht ein wahlkampftaugliches Thema.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass der Umgang mit (Kriminal-)Statistiken immer einige Tücken birgt. Oftmals ist eine exakte Vergleichbarkeit nicht möglich. Erhebungsmethoden können sich unterscheiden, es finden nicht immer die gleichen Personengruppen Aufnahme in die Statistiken. Daher entbehrt es nicht einer gewissen Problematik mit diesem Datenmaterial zu argumentieren. Dabei sind sich die Kriminalstatistiker einig. Allerdings umgeht Koch dieses Problem man könnte fast sagen auf äußerst geschickte Weise: Er bezieht sich einfach gar nicht explizit auf eine bestimmte Statistik. Was bleibt also unter dem Strich? Reine Polemik? Reine Massenpolarisierung? Sollte an dem Vorwurf des Stimmenfangs im rechten Lager doch etwas dran sein? Oder hat sich der noch amtierende Ministerpräsident einfach nur gründlich verschätzt? Wollte er eine aufgeheizte Bevölkerungsstimmung, die von dem Münchner U-Bahn-Angriff zweier ausländischer Jugendlicher auf einen Rentner herrührt, für seinen Wahlkampf nutzen? Also doch alles nur Populismus in Zeiten des Wahlkampfs? Ob Koch den Wählern in Hessen damit zu viel zugemutet hat, ob der tatsächlich den Bogen überspannt hat, wird sich spätestens am Wahlabend zeigen. Die Frage nach Kochs Handlungsmotiven für seine hier kommentierten Aussagen kann letzten Endes aber nur er selbst beantworten. Schade, dass dem Bürger somit wieder einmal einige Antworten schuldig geblieben werden.

Denn Tagelöhner ist er nie gewesen

Witzig? Ja witzig ist er auf jeden Fall? Gewitzt? Wo ist denn da der Unterschied? Aber ja! Gewitzt ist er auch! Ein Glossenschreiber par excellence. Ja das war er! Da konnte im keiner das Wasser reichen? Was das überhaupt ist, eine Glosse? Na da spalten sich die Geister. Journalistische Darstellungsformen: Die Unterscheidung zwischen diesen fällt schwer. Der eine sagt dies, der andere das. Allesamt sagen sie nicht viel; in ihrer eigenen Welt, in der Welt von Medien und Journalismus aber doch. Zurück zum Wort Glosse. Ironie, Satire, Wortspiel, Paradoxie, Verfremdung; allesamt als Elemente des Glosse aufgeführt. Wenn es so ist, dann besteht kein Zweifel. Dann war er ein Meister seines Faches, dann war es das Paradebeispiel für einen Vertreter dieser Gattung.

Kurze Sätze, messerscharf formuliert, fragmenthaft, dadurch spannend, sich über Regeln des Schreibens hinwegsetzend, eine ganz eigene Art, ein ganz eigener Stil, immer reflektiert, niemals langweilig, immer neu, immer aktuell und niemals so wie andere. Individuell, ganz eigen, nie Mainstream, nie auf der Suche nach der guten Story, weil die musste er nie suchen. Bekannte Persönlichkeiten, ja darüber muss man schreiben, will man eine breite Leserschaft erreichen. Darüber hat er nie geschrieben. Auch an andere Regeln des Publizierens hat er sich nicht gehalten. Und darum war es auch so, wie es war und wie er selbst feststellte: “Nur ist da eines – o völkische Schmach! Komisch: uns macht keiner nach.“ Ein Nachteil, in seinen Augen wohl eher nicht; eher ein Kompliment an sein Schaffen. Keine Bestseller sollten es sein, die er schrieb; Gedanken waren es, die zählten; aber dafür waren es eigene, kein Abkupfern, kein Kapitalismus, kein Tagelöhnerwerk, Journalismus im klassischen Sinne ist das nicht, viel zu individuell, zu kritisch, zu satirisch, zu ironisch.

Man mag es mir nachsehen. Schändlich; eine Anbiederung. Aber was soll ich machen. Ich bin nicht ein Genie, so wie er es war, mir wurde nicht die gleiche Begabung in die Wiege gelegt. Und auch wenn ich in meiner Huldigung versuche die Sprachstilistik des zu Huldigendem in einigen Sätzen nachzuahmen, so kann es sich immer nur um einen stümperhaften Versuch einer solchen handeln. Es gibt leider nur wenige, die diese unnachahmliche Begabung aufweisen. Ob der Versuch der Nachahmung rechtens ist oder es eher benannte Anbiederung oder sogar Schande ist? Ich vermag es nicht zu sagen. Eins ist indes sicher: Er gehörte mit Sicherheit dazu. Zum erlauchten Kreis derjenigen Personen, denen unsere Sprache ein wirklicher Freund ist. Von diesen gibt es nicht allzu viele. Und neben diesem erlauchten Kreis gibt es da noch diese, die mit ein wenig Begabung, vielleicht auch noch mit einem Schuss Idealismus versuchen, die Welt mit ihren Worten zu verändern. Leider hat die Welt dann auch noch zahlreiche von diesen zu bieten: Sie schreiben nicht des Schreibens willen, sie schreiben nicht des Veränderns willen; SIE schreiben, um sich an den Fleischtöpfen des Kapitalismus zu laben – und versalzen denen, die wahrhaftig SCHREIBEN, die Suppe. In seinen Gedanken zu Schriftstellerei und Stil merkt Schopenhauer zu diesen Personen an: „Man erkennt sie daran, dass sie ihre Gedanken möglichst lang ausspinnen und auch halbwahre, schiefe, forcierte und schwankende Gedanken ausführen, auch meistens das Helldunkel lieben, um zu scheinen, was sie nicht sind; weshalb ihrem Schreiben Bestimmtheit und volle Deutlichkeit abgeht.“ Genau diese fehlende Bestimmtheit und Deutlichkeit sind es, die den Freunden der Sprache nicht abgeht. Und dies unterscheidet sie dann auch in aller Deutlichkeit und Bestimmtheit von der Personengruppe der Tagelöhner, der „Für-Geld-Schreiberlinge“, der Auftragsarbeiter und „Halbwahrheitsverbreiter“. Sollte man die Sätze einer dieser Gattung „Schreiber“ – wobei dieses Wort in dem Zusammenhang eigentlich eher unpassend ist – angehörenden Person auf Inhalt, Sinn, ja auf den darin geäußerten Gedanken an sich untersuchen, würde nichts übrig bleiben. Auffallen würde indes ein Gerüst grammatikalisch schwerfälliger Gebilde, denen allerdings keine Aussage innewohnt. Worte nur der Worte wegen, so etwas hat es bei ihm, den Meister nie gegeben. „Verwickelte Dinge kann man nicht simpel ausdrücken; aber man kann sie einfach ausdrücken. Dazu muß man sie freilich zu Ende gedacht haben, und man muss schreiben, ohne dabei in den Spiegel zu sehn.“ So sieht er es. Die Aussage war und ist bei ihm immer im Vordergrund, kein Wort, das sich nicht Ideen und Gedanken, das sich nicht Antrieb des Textverfassens unterzuordnen vermochte.

Ist es Stümperei, ist es der Weg dahin, beim Besteigen des Berges den lächerlichen Bergstock abzulegen und zu einem weniger oder vielleicht sogar überhaupt nicht lächerlichen Stock zu greifen? Wie diese Analogie zu verstehen ist, sollte der Leser bei „Die Essayisten“ nachlesen. Vielleicht wird dieses Nachlesen zu einem Einstieg in eine neue Welt oder zumindest, – so auch für mich – zu einer Erweiterung des Horizontes. Vielleicht bewirkt es gar nichts. Dann lässt sich das auch nicht ändern. Aber eins ist gewiss. Er, Kurt Tucholsky war einer der ganz Großen in seinem Metier. Schön wäre es, wenn er mir einen seiner Bergstöcke leihen könnte, um neue Höhen zu erklimmen. Aber wahrscheinlich ist es besser, sollte der Bergstock für mich irgendwann von selbst seine Lächerlichkeit verlieren, mir als reines Hilfsmittel dienen. Jedenfalls habe ich eines gelernt: Der Bergstock sollte nicht simpel aber einfach sein, Zweckdienlich, leicht zu handhaben, aber dennoch alle wesentlichen Erfordernisse erfüllend.

Wesentlicher ist aber der Berg, der Bergstock ist nur Mittel zum Zweck, soll einen sicher und präzise zum Ziel bringen. Auch wenn es einen weniger beschwerlichen Weg geben sollte irgendwo im Tal, führt dieser meistens nicht zum gleichen Ziel. Orientieren sollte man sich stets an dem Gipfelstürmer, einholen muss man diesen nicht, kann man aber. Jedenfalls wird man als Wanderer im Tal niemals in die Verlegenheit kommen, in die Nähe des Gipfels zu gelangen. Und wer niemals in seinem Leben die frische Brise zumindest aus der Nähe des Gipfels eingeatmet hat, wird trotz aller scheinbaren Erfolge niemals wirklich zufrieden sein. Ich jedenfalls sage Dank einem Kurt Tucholsky, der mir eine Einsicht vermittelt, wie es ist, seine Brise zu atmen, um den Wunsch zu verspüren, eigens einmal in diesen Genuss zu kommen.